Jesuitenkirche Wien
Mt 17,1–9 (Gen 12,1–4a)

Heute nimmt uns Jesus mit auf einen Berg. Petrus, Jakobus und Johannes sind auch dabei. Und dann passiert etwas Unerwartetes: Das Gesicht Jesu leuchtet, seine Kleider werden weiß, Mose und Elija erscheinen. Und aus der Wolke kommt eine Stimme: Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören.

Die Verklärung Jesu am Tabor ist der Bericht einer Gotteserfahrung, eine biblische „peak experience“. Petrus weiß nicht so recht, was er sagen soll. Also sagt er zu Jesus: Ich möchte drei Hütten bauen. Manche meinen darum, dass Petrus ein Vorarlberger gewesen sein muss: Schaffa, schaffa, Hüsle baua! 😊

 Wie können wir heute Gott erfahren? Wir, mit unserem realen Leben? Ich möchte dafür drei Hinweise geben.

 Zuerst braucht es das, was ich „innere Disposition“ nennen möchte: die Bereitschaft, überhaupt etwas in meinem Leben mit Gott in Verbindung zu bringen. Ignatius von Loyola rät uns, Gott in allen Dingen zu finden, in allen Begegnungen und Ereignissen unseres Lebens, und damit auch außerhalb der Liturgie und des kirchlichen Kontextes.

Dazu hilft der Abstand vom Alltags-Wahnsinn, Abstand in Kilometern – zum Beispiel die biblische Bergtour heute, eine Fahrt mit dem Zug nach Payerbach zum Wandern, oder ein Bild im Kunsthistorischen Museum im Wien anschauen.

Und es hilft die Stille. Wenn es draußen still wird, dann beginnt der innere Lärm. Und wenn der dann auch leiser wird, dann sind wir innerlich bereit. Das ist das, was die Tradition „vacare Deo“ nennt, innerlich leer sein, frei für Gott.

Mit dieser inneren Haltung kann ich beginnen, mein Leben zu lesen. Die klassische Formel dafür lautet: Erlebnis + Reflexion = Erfahrung.

Als wir Kinder waren, da ist ein Erlebnis nach dem anderen gekommen: das Schifahren, der Besuch im Schwimmbad, die Hausaufgaben, und natürlich die Besuche bei den Verwandten. Spätestens bei diesen Besuchen haben wir dann begonnen, Warum-Fragen zu stellen. Das ist der Beginn des Erwachsen-Werdens und der Beginn der Reflexion.

Wenn wir dann ein wenig älter sind, dann fragen wir uns: Wie bin ich eigentlich der Mensch geworden, der ich bin? Das ist dann der Anfang der midlife crisis 😊.

Wir machen also Biographie-Arbeit. Wir schreiben ein Tagebuch, wir schauen alte Fotos an. Wir reflektieren unser Leben – und parallel dazu die Weltlage. Und wir tun das natürlich immer auf unsere ganz persönliche Weise. Wir nehmen die Welt nicht so wahr, wie sie ist, sondern wie wir sind[1]. Und damit bleiben wir immer ein bisschen beschränkt: auf unsere Erziehung, auf unseren Horizont, auf unser eigenes Niveau.

Das Evangelium nun gibt uns eine zusätzliche Perspektive, einen neuen Interpretations-Schlüssel, wie wir unser Leben und die Welt lesen können: „Dieser ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.“ 

Ich habe für mich einmal gemerkt: Es hilft mir, wenn ich Jesus als festen Punkt annehme, gleichsam als „archimedischen Punkt“: was Jesus tut und was er sagt und was ihm wichtig ist. Von diesem festen Punkt aus kann ich gut navigieren

im unendlichen Meer der Möglichkeiten. Nicht nur was mein persönliches Verhalten betrifft, sondern auch im Blick auf die Gestaltung der polis: auf die Politik, auf die Gestaltung des Gemeinwesens.

Und dass ich hier als Christ und Jesuit mit manchem nicht einverstanden bin, das können sie sich vorstellen. Der sogenannte „Politische Aschermittwoch“ ist ein Beispiel dafür. Dass die Fastenzeit von politischen Parteien so begonnen wird, und zwar nicht nur von einer Partei, das ist für mich nicht in Ordnung. In der Fastenzeit wollen wir als Christ/innen auf Jesus hören und uns an ihm ausrichten.

Und schließlich: „Steht auf und fürchtet euch nicht!“ Das ist der Imperativ Jesu für Petrus, Jakobus und Johannes. Und eben auch für uns. Wir sollen aufstehen und uns nicht fürchten.

Dahinter steht die ganze biblische Anthropologie, die den Menschen als gut ansieht, als frei, als selbständig. Und die biblische Sicht auf den Menschen traut uns auch Verwandlung zu. Das ist das wunderbare und schöne dieses Evangeliums heute! Verwandlung: Metamorphose, im griechischen Urtext finden wir diesen Wortstamm.

Wir sind eben nicht Gefangene unserer Biographie, unserer Familiengeschichte, unserer Neigungen, unserer Süchte und Abgründe. Wir können uns verwandeln lassen zum Guten hin, und neu anfangen.

Wenn wir unsere Optik, unseren inneren Blick, darauf eingestellt haben, dann merken wir in der Rückschau: Ja, das hat mich berührt, das war ein Moment der Transzendenz, das hat mich verwandelt zum Guten hin.

Und das kann man Gotteserfahrung nennen.

Amen.

 

[1] Vgl. dazu: „Was auch immer empfangen wird, wird in der Weise des Empfängers empfangen.“ Lat: „Quidquid recipitur ad modum recipientis recipitur.“