Jesuitenkirche Wien
Mt 10,26–33 (Jer 20,10–13)
In Feldkirch in Vorarlberg habe ich die Handelsakademie besucht. Ich unserer Schulklasse hing ein Plakat. Darauf stand in großen Buchstaben: „Der Friede beginnt im eigenen Haus.“ Das war ein Buchtitel. Rudolf Kirchschläger – Sie erinnern sich, unser damaliger Bundespräsident – hat ein Buch mit diesem Titel 1980 im Molden-Verlag herausgegeben. Der Satz aber ist älter. Er stammt vom Philosophen Karl Jaspers, der 1958 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten hat.[1] Ich möchte heute über den Frieden predigen und mit Ihnen gemeinsam darüber nachdenken. Frieden kann man sich besser vorstellen, wenn man das Gegenteil davon kennt. Ich war gerade eine Woche in der Ukraine. Lemberg, Czernowitz, Khmelnyckyi, Ternopil. Mit dem Zug kommt man von Wien nach Przemysl, und dann weiter nach Lemberg. Zur polnisch-ukrainischen Grenze ist es gleich weit wie nach Bregenz – also sehr nahe. Dort ist Krieg. Kain erschlägt Abel noch immer. Wer den Krieg erfahren hat, der möchte das nie mehr erleben. Denken Sie daran, wie es hier in Wien im Frühling 1945 ausgesehen hat. Der Stephansdom war ausgebrannt. Sie kennen die Bilder. Hier in der Krypta der Jesuitenkirche wurden Menschen beigesetzt, die in den letzten Kriegstagen durch Bombentreffer gestorben sind, unmittelbar in unserer Nachbarschaft. Also: Wien kennt den Krieg: 1683 die Belagerung durch die Osmanen, 1809 der Beschuss durch napoleonische Truppen. Als Papst Leo am 8. Mai 2025 gewählt wurde und auf den Balkon des Petersdoms kam, da war sein erster Satz: „Der Friede sei mit euch.“ Das ist sein Programm – ganz in der Spur Jesu. Zu den Jüngern sagt Jesus nach der Auferstehung drei Mal: Der Friede sei mit euch.[2] Warum sagt er das? Weil die Jünger in Panik waren, in großer Angst – sie haben sich eingesperrt, sie haben sich gefürchtet. Heute im Evangelium sagt Jesus zu seinen Jüngern drei Mal: Fürchtet euch nicht! Furcht, Angst (im Griechischen phobos): Das sind sind zentrale Faktoren für Unfrieden, da gibt es einen starken Zusammenhang. Angst wird geschürt, ja manchmal systematisch „bewirtschaftet“: Angst vor Neuem, Angst vor Fremden, Angst vor Krankheit, Angst vor Wohlstandsverlust. Wenn wir Angst haben, dann suchen wir Sicherheit. Als Kinder suchen wir diese Sicherheit bei unseren Eltern. Wo finden wir Sicherheit als Erwachsene? Wer sich ein bisschen mit der Thematik befasst, der wird bald merken: Sicherheit muss man breit denken. Polizei und Militär – das ist sehr wichtig, aber das allein ist zu wenig. Es braucht Bildung, Kultur, Sprache, Arbeit, ein gerechtes Gesellschaftssystem, in dem alle in Sicherheit leben können. So entsteht das Mosaik eines friedlichen Miteinanders. Gibt es da etwas spezifisch Christliches, was wir zum Frieden beitragen können? Ja, das gibt es. Ich möchte Ihnen drei Punkte vorlegen. Zuerst: Wir leben und arbeiten mit Hoffnungsbildern. Das tun heute nicht viele. Als Christinnen und Christen sagen wir: Ja, Frieden ist möglich. Wahrheit ist möglich. Gerechtigkeit ist möglich. Und auch Versöhnung und Neu-Anfang sind möglich. Das sind unsere Hoffnungsbilder. Diese Hoffnungsbilder leuchten besonders stark, wenn sie in einem Luftschutz-Keller sitzen und warten, bis der Luftalarm vorbei ist. Dann das Gebet. Aus Frankreich stammt ein bekanntes Gebet, das mit den Worten beginnt: „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens.“ Heute, am Ende des Gottesdienstes, kann jeder dieses Gebet beim Ausgang mitnehmen. Beten hilft uns, unsere innere Disposition, unsere innere Einstellung immer wieder auf den Frieden auszurichten. Fürchte dich nicht! Du kannst selbst zum Frieden beitragen. In der Liturgie hat der Friedensgruß eine große Bedeutung. Und beim Agnus Dei beten wir in der letzten Bitte: Dona nobis pacem – Gib uns deinen Frieden. Und schließlich: Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden[3]. Wir dürfen nicht unterschätzen, was wir selbst tun können. Wir können uns interessieren, uns involvieren, wir können helfen. Natürlich ist das manchmal anstrengend. Aber, wie man Englischen sagt: Discomfort is the price for admission to a meaningful life.[4] Ungemütlichkeit ist der Preis für ein sinnvolles Leben. Also: Hoffnungsbilder, Beten und Frieden stiften. Das können wir aus unserem Glauben heraus tun. Da geht es um die Welt im Ganzen. Und es geht um unsere Familie, unsere Freunde und unseren Arbeitsplatz. „Der Friede beginnt im eigenen Haus.“ Amen.   [1] Karl Jaspers, Ansprache zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, 1958. [2] Joh 20 [3] Mt 5,9 [4] Susan David, TED