Fest des Hl. Ignatius von Loyola
Jesuitenkirche Wien

Am Hochfest des Hl. Ignatius möchte ich heute über Einheit, Freiheit und Liebe predigen. Ich nehme dazu einen alten Satz, der die Inspiration des Ignatius gut auf den Punkt bringt:

Im Notwendigen Einheit,
im Zweifel Freiheit,
in allem die Liebe.
[1]

 

I. Im Notwendigen Einheit – in necessariis unitas.

Ignatius hat seine geistliche Erfahrung für andere Menschen in seinem Exerzitienbuch aufgeschrieben. Damit diese geistliche Inspiration viele Menschen erreicht, damit sie auf Dauer ermöglicht wird: darum gründet Ignatius mit seinen Gefährten einen katholischen Orden, die Societas Jesu.

Das Schöne an einer Gemeinschaft ist, dass man dazugehört. Das Schwierige ist, die Einheit zu wahren und alles auszuhalten – und alle 😊. Das kennen wir in der Familie – und überall, wo Menschen zusammen leben und arbeiten.

Manchmal denke ich mir: Was hält uns eigentlich zusammen? Familie, Orden, Kirche, Österreich, Europa: Was ist das Notwendige, in dem wir der Einheit den Vorrang geben? Ich will heute gar keine Antwort geben. Viel hilfreicher, finde ich, ist, dass wir uns diese Frage stellen.

Im Evangelium heute spricht Jesus davon, wer zu ihm gehören kann – und wer nicht. Wer sein Jünger, seine Jüngerin sein kann – und wer nicht. Das klingt zuerst ziemlich herb, aber wenn man das meditiert, dann merkt man:  Aha, ich kann mich entscheiden. Ich kann mich entscheiden, dazuzugehören. Entscheiden können: das ist ein Freiheitsmoment.

 

II. Im Zweifel Freiheit – in dubiis libertas.

Freiheit wird erst dann zu einem wirklichen Thema, wenn man das Gegenteil erlebt. In der Justizanstalt Josefstadt gibt es sehr wenig äußere Freiheit, wie Sie sich vorstellen können. Und wenn ich in der Ukraine bin: dann spüre ich, wie wichtig den Menschen dort die Freiheit ist – dafür lohnt es sich, sein ganzes Leben einzusetzen.

Das Evangelium heute spricht auch vom frei sein. Frei sein von zu starken Beziehungen zur Familie. Frei sein von der Illusion eines leidfreien Lebens. Frei sein vom Wunsch nach Besitz und Einfluss. Kurz: Frei sein von der großen Sorge um das eigene Leben.

Diese „Freiheit von“ gibt eine „Freiheit für“. Frei sein für eine neue Bindung. Frei sein für einen neuen Lebenshorizont. Frei sein für die Nachfolge Jesu, zumindest für einen ersten Schritt.

Auch in Fragen des Glaubens müssen wir darauf achten, dass die Freiheit der Menschen gewahrt bleibt. Das gilt in der individuellen Seelsorge, wo wir den Glauben vorschlagen können („proposer la foi“). Niemand will etwas aufgedrängt bekommen. Im Zweifel hat die Freiheit Vorrang.

Und im Großen gilt das auch: die Religions-Freiheit bei uns müssen wir erhalten – sie ist ein kostbares Gut, das wir nicht als selbstverständlich ansehen sollten.

Freiheit gibt es nur im Doppelpack: Freiheit und Verantwortung. Verantwortung für das eigene Leben und für das Leben der Gemeinschaft. Wir können Freiheit nicht nur konsumieren: in der Familie nicht, im Jesuitenorden nicht, und als Staatsbürger/in auch nicht. Wir sind Mitwirkende, Mitgestalter/innen. Da könnten wir in Österreich wirklich besser werden. Man jammert über die Regierung – und geht dann nicht wählen. Das finde ich nicht ok. Ich möchte heute ausdrücklich allen danken, die sich in der Politik und der Verwaltung für das Gemeinwohl einsetzen.

Das bringt mich zum letzten Punkt:

 

III. In allem die Liebe – in omnibus caritas.

Wenn wir das große Wort der Liebe ausbuchstabieren, dann geht es um: freundlich sein, großzügig sein, rücksichtsvoll sein, hilfsbereit sein.

Konkret möchte ich drei Dinge nennen.

Zuerst: Den liebevollen Blick auf die Menschen und die Welt. Diesen Blick kann man trainieren. Wir sehen dann, dass es mehr Gutes gibt, als wir denken. Die Engländer sagen: „The amount of good things in your life depends on your ability to notice them.“

Dann: Das liebevolle Denken und Sprechen. Es stimmt schon: Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul. Auch wenn uns das manchmal schwer fällt: Wir dürfen andere Menschen nicht verachten. In der Verwandtschaft nicht – und auch nicht im öffentlichen Leben. Die Sprache, auch im öffentlichen Raum, muss anständig sein und respektvoll. Darum finde ich es wichtig, dass wir in Europa zu einer Klarnamen-Pflicht kommen. Wer online postet, soll das mit seinem vollen Namen tun.

Und schließlich: Das liebevolle Tun. Ignatius schreibt im Exerzitienbuch sehr klar: „Die Liebe muss mehr in die Werke als in die Worte gelegt werden.“[2]

Also: Jede/r von uns hat Spielräume zum Guten hin – die wollen wir nützen.

 

IV.

Eigentlich wollte ich heute eine leichte Sommer-Predigt halten. Jetzt ist es doch ziemlich ernst geworden. Vielleicht hat es mit meinem zunehmenden Alter zu tun. Zum Thema Alter fällt mir immer öfter der Satz von Jeanne Moreau ein, der französischen Schauspielerin: „Mit dem Alter kommt die Weisheit. Manchmal kommt das Alter auch allein.“ 😊. Da denke ich mir: Ja, so wird es bei mir wohl auch sein.

Amen.

 

 

 

[1] Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Gaudium et Spes Nr. 92, mit Bezug auf Papst Johannes XXIII.
In englischer Sprache: In essentials, unity; in doubtful matters, liberty; in all things, charity.

[2] Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, Nr. 230 (Echter, 1998).