Jesuitenkirche Wien
Mt 21,28–32 (Phil 2,1–11)

I.

Wenn ich bei der Predigt-Vorbereitung merke, dass im Evangelium eine Frage vorkommt, dann freue ich mich immer. Es gibt über 200 Fragen von Jesus im Evangelium. Jesus fragt den blinden Bartimäus: Was willst du, dass ich dir tue?[1] Oder er fragt seine Freunde: Für wen halten mich die Menschen? Für wen haltet ihr mich?[2]

Diese Fragen sind hermeneutische Schlüssel. Sie helfen uns zu verstehen, worum es Jesus geht. Sie sind an uns gerichtet. Wir sind es, die gefragt werden. Wir überlegen uns eine Antwort. Und so wird ein historischer Bibel-Text für uns aktuell, relevant.

Im Evangelium heute geht es um einen Vater, der zwei Söhne hat. Er schickt beide in seinen Weinberg, damit sie dort arbeiten. Der erste will nicht, er hat wohl keine Lust – aber später reut es ihn und er geht doch. Der zweite sagt ja, geht aber nicht. Und dann kommt die Frage: Wer von den beiden hat den Willen des Vaters erfüllt?

Das wäre jetzt der perfekte Ausgangspunkt für eine Moralpredigt: Wir sollen so sein wie der erste Sohn – und nicht wie der zweite. Vermutlich sind wir aber immer beide, und auch dazu könnte man predigen.

Für mich viel interessanter ist die Frage, die Frage nach dem Willen des Vaters. Was bedeutet das eigentlich? Wir beten ja im Vaterunser: „Dein Wille geschehe.“ So lehrt Jesus seine Freunde zu beten – und so beten auch wir.

Bei uns Jesuiten gab es einen Südtiroler Frater, Josef Profanter. Wenn wir ein Jesuiten-Treffen hatten und dort gemeinsam Messe gefeiert haben, dann hat er mit seiner unverwechselbaren Stimme immer eine Fürbitte gebetet: „Dass in allem der Wille Gottes geschehe.“

 

II.

Was ist der Wille Gottes? Was ist damit gemeint? Wir begreifen uns ja als autonome Subjekte, wir treffen unsere eigenen Entscheidungen, wir wollen uns auch nichts diktieren lassen. Das ist zumindest ein weit verbreitetes Ideal-Bild. In der Wirklichkeit sind wir natürlich immer eingebettet in Zusammenhänge, in Beziehungen, in Situationen, in eigene Muster, in unsere Lebensgeschichte. So autonom, wie wir manchmal meinen, sind wir halt nicht. Und doch: Unsere Entscheidungsfreiheit ist wichtig, und zwar zurecht. Sie ist, theologisch gesprochen, eine Gabe Gottes.

Was ist also der Wille Gottes? Die Grundlinie ist: Gott will das Beste für uns, ja für alle Menschen.

Paulus formuliert das so: „[Gott] will, dass alle Menschen gerettet werden […].“[3] Im Italienischen gibt es den Wunsch: „Ti voglio bene.“, wörtlich: „Ich will dir Gutes.“ Das bringt für mich gut auf den Punkt, was Gott will: Ich will dir Gutes.

Wir glauben, dass Gott für jeden Menschen einen guten Plan hat. Dabei geht es nicht um Prädestination, gleichsam um eine Vorgabe, die ich abarbeiten muss. Gott arbeitet mit Potentialen, die ich verwirklichen kann -gemeinsam mit anderen Menschen. Wir brauchen einander, um unsere Potentiale zu realisieren.

Die Frage nach dem Willen Gottes taucht oft dann auf, wenn wir in einer Entscheidungssituation sind. Was soll ich tun? Geistliche Menschen fragen dann auch: Was ist Gottes Wille – in dieser Situation? What would Jesus do?

Auf einer ganz praktischen Ebene würde ich sagen: Die Frage nach dem, was Gott in dieser Situation von mir wollen könnte – das öffnet mich, das macht meinen Entscheidungsraum größer. Die Frage nach dem Willen Gottes ist eine zusätzliche Perspektive (wenn es nicht von vornherein die erste ist).

Bei wichtigen Fragen ist die Antwort gar nicht so entscheidend. Entscheidend ist die Frage. Bei Elie Wiesel können wir lesen, dass die Frage eine Kraft hat, die die Antwort nicht mehr hat.[4] Und Rainer Maria Rilke rät dem jungen Dichter Franz Xaver Kappus in Wiener Neustadt, die großen Fragen selbst liebzuhaben – und so allmählich in die Antwort hineinzuleben.[5]

Das ist für mich das Wichtigste:
Dass mir diese Frage nach dem Willen Gottes
immer wieder in den Sinn kommt,
dass es die Perspektive Gottes gibt.

Wenn Sie mir einfällt, diese Frage nach dem Willen Gottes,dann ist sie wie ein Kompass, der mich leitet.

 

III.

Wie kann ich den Willen Gottes erkennen,
in einer ganz bestimmten Entscheidungssituation,
ja für mein Leben insgesamt?

Zuerst einmal: Ich frage Gott selbst, wir sind ja per Du miteinander. Wir sprechen mit Gott, wir fragen Gott, wir machen ihm manchmal auch Vorwürfe, weil wir nicht verstehen, was gerade passiert. Und all das können wir Beten nennen. Jesus in Getsemani: Das ist die Referenzstelle dafür. Jesus betet: „Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.“[6]

Das Lesen der Bibel hilft uns, ins Denken und Fühlen und Wollen Gottes hineinzukommen. Wenn wir jeden Tag einen kleinen Abschnitt meditieren, dann prägt uns das. Schauen Sie, dass Sie eine gute Bibelausgabe griffbereit haben. Und die App „Stundenbuch“ können Sie sich auf Ihr Handy laden – mit den täglichen Lesungen nach der Leseordnung der Kirche.

Schließlich: Das Gespräch mit anderen Menschen hilft uns, den Willen Gottes zu erkennen. Es ist einfach klug, wichtige Fragen mit anderen zu besprechen. Gott arbeitet durch andere Menschen, das ist seine Methode.

Beten, in der Bibel lesen, Rat von anderen Menschen erbitten. – Immer bleibt aber der Vorrang der Frage vor der Antwort. Die Frage hält uns munter und lässt und weiter neugierig sein.

Also, wenn Sie die Bibel auf spannende Weise lesen möchten: Dann suchen Sie nach den Fragen.

Amen.

 

[1] Mk 10,51
[2] Mk 8,27–29
[3] 1 Tim 2,4; vgl. auch Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2822, wo dieses Paulus-Zitat als erstes genannt ist.
[4] Vgl. Elie Wiesel, Die Nacht. Erinnerung und Zeugnis, S. 29 (Herder, 2022)
[5] Vgl. Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, S. 21 (Insel, 1929)
[6] Lk 22,42