Das Evangelium heute enthält eine Frage – was für eine Freude für den Prediger! Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?
Diese Frage war zur Zeit Jesu wichtig – und ist es bis heute. In der rabbinischen Literatur wird eine Zahl von 613 damals gültigen Geboten überliefert. Und heute? In unserer komplexen Welt brauchen wir auch viele Regeln, um unser Zusammenleben zu ordnen. Und wenn es uns zu viel wird und wir uns fokussieren wollen, dann kaufen wir ein Buch mit dem Titel „Simplify your life!“. Oder das neue Buch von Joachim Bauer: „Fundamental Things“ – sehr lesenswert!
Also: Um was geht es im Leben? Was ist das wichtigste?
Es geht um die Liebe. Es geht um die Liebe in all ihren Formen – erotische Liebe, freundschaftliche Liebe, fürsorgende Liebe: eros, philia und agape[1].
Jesus antwortet auf die Frage mit zwei Stellen aus dem Ersten Testament: Du sollst Gott lieben[2] – aus dem Schma Israel, höre Israel, zentral für das Judentum bis heute. Und: Du sollst deinen Nächsten lieben[3] – ebenfalls aus der Tora. Jesus steht ganz in der Tradition des Judentums. Neu ist, dass er diese beiden Gebote zusammenordnet zu dem einen Hauptgebot der Liebe. Neu ist auch, dass dieses Gebot alle Menschen einschließt. Jesus erweitert, er universalisiert[4].
Wie geht das nun praktisch? Wie macht man das: Gott und die Menschen lieben? Den Schlüssel finden wir heute in der Lesung aus dem Buch Exodus. Die Israeliten sind aus Ägypten geflüchtet, darum: Exodus! Auf dem Weg ins Gelobte Land spricht Gott mit Mose – und daraus haben wir einen Abschnitt gehört, das Verbot der Ausbeutung von Schwachen. Der letzte Satz Gottes heißt: Wenn der Arme zu mir schreit, höre ich es, denn ich habe Mitleid[5].
Mitleid – das ist der Schlüssel. Mitgefühl, Compassion, Empathie: darum geht es. Die Situation eines anderen Menschen verstehen können, sein Denken und Fühlen, seine Perspektive übernehmen können. Das können wir nicht von Geburt an – wir lernen das als Kinder. Gerade die ersten Lebensjahre sind dafür entscheidend. Die gute Nachricht für uns Erwachsene: man kann Empathie lernen und kultivieren.
In meinem Wirtschaftsstudium hatten wir einen sehr guten Professor, der uns beigebracht hat: „Walk in your customers shoes.“ – Geh in den Schuhen deines Kunden, versetz dich in seine Situation. Unser Novizenmeister hat etwas Ähnliches gemacht. Er hat mich in ein Seniorenheim nach Luzern geschickt – zwei Monate. Dann einen Monat zur Firma Schachermayer in Linz – ans Fließband. Dann zwei Monate nach Berlin, um dort Gefangene zu besuchen. Und dann drei Wochen ohne Geld als Pilger nach Frankreich, um zu betteln. Alles Orte, um Empathie zu lernen.
Empathie ist noch nicht Liebe, aber sie ist eine wesentliche Voraussetzung dafür – ohne Empathie gibt es keine Liebe. Mir kommt vor, dass wir heute einen extremen Mangel an Empathie erleben. Ein Beispiel dafür ist die tägliche Bombardierung von Wohnhäusern in der Ukraine. Ich verstehe, dass viele Menschen bei uns das ausblenden, weil es sie überfordert. Ich verstehe nicht, wenn ich merke, dass das Mitgefühl für die Opfer fehlt.
Und das wieder ist für mich ein Argument, warum wir in unserer Tradition die Liebe als Gebot kennen. Das ist wie bei einem Zahnrad, wo es eine Sperrklinke gibt: Das Zahnrad soll nicht zurückgedreht werden. Und in unserem Glauben erinnert uns das Liebesgebot ziemlich deutlich: Du, hör einmal, du lebst nur, weil Gott und andere Menschen dir gut sind. Vergiss das nicht: Du sollst Gott und die Menschen lieben. Die Liebe zu Gott und den Menschen – die kann man übrigens ganz parallel sehen. So wie ich mit Menschen umgehe, so gehe ich mit Gott um. So wie ich Menschen mag und liebe, so mag und liebe ich Gott.
Wenn wir so über die Frage nachdenken: Welches Gebot ist das wichtigste?, dann hat das viel Tröstendes. Wir merken: Wir sind geliebt noch bevor wir lieben. Unser Leben ist uns geschenkt, jeden Tag neu. Liebe ist die stärkste Kraft in der Welt, auch wenn es manchmal nicht so aussieht. Es ist richtig, anderen Menschen gut zu sein, auch wenn es mir nichts bringt. Und: Liebe geht über den Tod hinaus – wir sind mit unseren Lieben weiter in Verbindung.
Hier ist noch einmal die Antwort Jesu auf die Frage: Meister, welches Gebot ist im Gesetz das wichtigste? Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.[6]
Amen.
[1] Joachim Bauer: Fundamental Things. Über Vernunft, Moral und Empathie. Herder, 2026. In der Predigt werde ich mehrfach Gedanken von Joachim Bauer übernehmen, insbesondere in Bezug auf Empathie.
[2] Dtn 6,5
[3] Lev 19,18
[4] Vgl. Franz Mussner, Was hat Jesus Neues in die Welt gebracht. Katholisches Bibelwerk Stuttgart, 2001, S. 48 ff.
[5] Ex 22,26
[6] Mt 22,37-39